Die „Führung des Schiffes auf den Flüssen“

Es ist schon ein paar Jahre her, dass ich den Kleinen Himmelskreislauf kennengelernt habe. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt schon etwas Meditationserfahrung, aber meine Qigong-Praxis, insbesondere was das stille Qigong angeht, war noch relativ gering. Rückblickend war das ausgesprochen hilfreich, weil ich offen und ohne jede Erwartungshaltung an diese Atem- und Aufmerksamkeitsübung herangegangen bin. So war es ein tolles, einzigartiges Erlebnis, dessen beruhigende und gleichzeitig vitalisierende Wirkung mich überrascht hat. Ich praktiziere diese Übung noch heute und gebe sie gern an andere weiter. Doch der Reihe nach! In diesem Gastartikel erzählt uns Gastautorin Sabine von ihrem Weg zum Gigong:

Was ist (stilles) Qigong und der Kleine Himmelskreislauf?

Kurz gesagt gehört Qigong wie z.B. auch Akupunktur oder Akupressur zur Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM). Es ist eine angenehme Methode zum Stressabbau, zur Gesundheitsprävention und sie kann die Genesung nach einer Krankheit unterstützen. Das „Qi“, die Lebensenergie, steht im Mittelpunkt der Methode. Es fließt durch Leitbahnen in unserem Körper, die z.B. durch Stress oder Krankheiten blockiert sein können. Qigong-Übungen helfen, diese Blockaden aufzulösen, damit das Qi wieder ungehindert fließen kann. Ruhe und Wohlbefinden sind das Ergebnis.   

Es gibt zahlreiche Möglichkeiten Qigong weiter zu gliedern. Ich beschränke mich in diesem Zusammenhang auf die Unterteilung in stilles und bewegtes Qigong. Das stille Qigong hat einen meditativen Charakter und beschreibt, wie das Qi ohne äußerlich wahrnehmbare Bewegungen nur durch den Geist gelenkt wird und so eine tiefe Entspannung, ein Zustand der Leere erreicht wird. Das stille Qigong ist stets Teil jeder anderen Qigong-Form. Das bedarf etwas Übung, doch jede Bewegung ohne das innere Lenken von Qi, ist eher Gymnastik aber nicht unbedingt Qigong.

Du ahnst schon, was dann das bewegte Qigong ist: es ist die Kunst das Qi auch durch äußerlich wahrnehmbare Bewegungen zu führen und zu lenken.   

© Jeremy Thomas

Der Kleine Himmelkreislauf gehört zum stillen Qigong und wird auf etwa 300 v. Chr. datiert und dem Daoismus zugeordnet. Dabei wird die Aufmerksamkeit und damit das Qi auf der Köpervorder- und rückseite entlang der Körpermittellinie durch die zwei wichtigsten Leitbahnen „Renmai“ und „Dumai“ geführt. Auf beiden Leitbahnen gibt es mehrere Punkte, „Energietore“ (in der Darstellung blau markiert), die mit der Übung geöffnet bzw. durchlässig gehalten werden sollen. Renmai und Dumai stehen in Verbindung mit allen 12 Hauptleitbahnen. Qi wird somit in das gesamte Leitbahnensystem eingespeist.

In alten daoistischen Texten wird der Kleine Himmelskreislauf auch oft „Führung des Schiffes auf den Flüssen“ genannt. Mit dem Schiff ist das Qi und mit den Flüssen sind die Leitbahnen gemeint. Ein passendes Bild wie ich finde. Auf Jadeplättchen einer Gürtelschnalle, die gefunden wurde, wurde in 44 Zeichen beschrieben, wie genau das Qi zu führen.

Wie wird der Kleine Himmelskreislauf geübt?

Hinweis: Der Kleine Himmelskreislauf sollte ein paar Mal unter Anleitung geübt werden, bevor Du ihn für Dich übst. Er sollte z.B. mit verschiedenen Vorübungen vorbereitet werden. All das kann ich im Rahmen dieses Artikels nicht darstellen, daher die Bitte, Dir einen Qigong-Lehrer zu suchen, der Dich professionell an die Übung heranführt.

Für den Kleinen Himmelskreislauf empfehle ich die Sitzposition. Aber grundsätzlich kannst Du in jeder Haltung üben: im Sitzen, Stehen oder Liegen. Wähle die Position, die für Dich am angenehmsten ist. Nach Deinem persönlichen Wohlfühlfaktor richtet sich auch die Dauer bzw. die Anzahl der Umläufe und der Atemrhythmus, der wiederum das Tempo festlegt. Mit etwas Übung atmest Du idealerweise beim Aufstieg des Qi im Dumai ein und beim Herunterführen des Qi im Renmai aus. Unten in der Beschreibung des Ablaufs habe ich für den Anfang einen anderen Atemrhythmus gewählt.

Beginn und Ende des Umlaufs sollte bei ‚Qihai‘ sein, dem Punkt etwa sechs fingerbreit unterhalb des Bauchnabels. Versuch mit Deiner Vorstellungskraft die einzelnen Punkte zu verbinden und stell Dir mit jeder Einatmung vor, wie über die einzelnen Punkte Energie in Dich hineinströmt. Du kannst zur Unterstützung auch z.B. einen imaginären roten Energieball kreisen lassen.  

Ablauf:

  • Sammel Deine Aufmerksamkeit zunächst im Dantian, dem Bereich im inneren Deines Körpers, etwa drei fingerbreit unterhalb des Bauchnabels, bevor Du dann bei ‚Qihai‘ mit dem kleinen Himmelskreislauf beginnst.
  • Atme ein, wandere mit Deiner Aufmerksamkeit zum Dammpunkt (‚Hui Yin‘), atme aus.
  • Atme ein, wandere mit Deiner Aufmerksamkeit zum Steißbein (‚Weilü‘), atme aus.
  • Atme ein, wandere mit Deiner Aufmerksamkeit zu ‚Mingmen‘, dem Punkt auf der Wirbelsäule gegenüber vom Bauchnabel, atme aus.
  • Atme ein, wandere mit Deiner Aufmerksamkeit zum großen Wirbel (‚Dazhui‘), atme aus.
  • Atme ein, wandere mit Deiner Aufmerksamkeit zu ‚Yuzhen‘, dem Bereich am Hinterkopf etwa gegenüber der Nasenbeinwurzel, wo die Halsmuskeln ansetzen, atme aus.
  • Atme ein, wandere mit Deiner Aufmerksamkeit zum Scheitelpunkt des Kopfes (‚Bahui‘), atme aus.
  • Atme ein, wandere mit Deiner Aufmerksamkeit zur Nasenwurzel (‚Yin Tang‘), atme aus.
  • Atme ein, wandere mit Deiner Aufmerksamkeit zur Brustmitte (‚Zhong Dan Tian‘), atme aus.
  • Atme ein, wandere mit Deiner Aufmerksamkeit zu ‚Qihai‘, atme aus.
  • Beginne nun wieder von vorn.

Wenn Du Deine Umläufe beendest, lenke zum Abschluss Deine Aufmerksamkeit noch einmal ins ‚Dantian‘. Es ist das Sammelbecken für Qi und bewahrt das Qi für Dich.

Wie wirkt der Kleine Himmelkreislauf?

Um bei dem Bild mit dem Schiff und den Flüssen zu bleiben, durch den Kleinen Himmelskreislauf wird das Flussbett gereinigt, damit das Qi wieder besser fließen kann, was eine Grundvoraussetzung für Gesundheit und Wohlbefinden ist.

Die Aufmerksamkeitsführung und das bewusste Atmen helfen Dir darüber hinaus zur Ruhe zu kommen – sowohl körperlich als auch geistig. Nach etwas Praxis kann diese Übung z.B. auch vor dem Einschlafen für einen besseren, tieferen Schlaf sorgen. Die tiefe Atmung stärkt zudem die Lunge und die Lungenfunktion.

Gleichzeitig kann der Kleine Himmelskreislauf auch belebend und vitalisierend wirken, da das ganze Leitbahnensystem wie oben beschrieben mit frischem Qi gespeist wird.

Weitere Wirkungen:

  • Blockaden und Verspannungen können sich lösen
  • das Immunsystem und die Selbstheilungskräfte werden gestärkt
  • Aufmerksamkeit und geistige Fitness werden verbessert
  • Innere Ruhe und Gelassenheit werden gefördert

Dies ist nur eine kleine Auswahl an positiven Wirkungen, die Liste ist lang. Probiere es – zunächst unter Anleitung – einfach mal aus und erfahre selbst, welche angenehmen Effekte der Kleine Himmelskreislauf für Dich hat. Ich wünsche Dir viel Spaß.

Es gibt übrigens auch noch den Großen Himmelskreislauf, aber das ist dann ein weiterer Artikel 😉.

Über die Gastautorin Sabine Kerse

© Sabine Kerse

Sabine ist 46 Jahre, verheiratet und lebt in Bad Kreuznach. Mehr als 20 Jahre hat sie in verschiedenen Positionen in einem global tätigen Geschäftsreiseunternehmen gearbeitet, bis sie sich nach einer entsprechenden Ausbildung und umfangreicher eigener Unterrichtspraxis Anfang des Jahres als Qigong-Lehrerin selbstständig gemacht hat. Mit ihrer Erfahrung kennt sie die Herausforderungen, die ein komplexer Arbeitsalltag mit sich bringt.

Somit ist es ihr ein Anliegen, Menschen zu helfen mittels Bewegung und Entspannung Stress abzubauen und das persönliche Wohlbefinden zu steigern. Sabine ist überzeugt, dass die Welt besser wird, wenn sich jeder regelmäßig etwas Zeit für sich und das individuelle Wohlbefinden nimmt –  jeder mehr Ruhe und Gelassenheit in seinen Alltag bringt. Hier kannst du mehr über Sabine erfahren.


Vielen Dank liebe Sabine für den tollen Gastbeitrag und dass du uns an deiner Geschichte und Erfahrung mit Qigong teilhaben lässt!


Titelbild ©Manja Vitolic

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