Mein Mann telefoniert gerade nebenan im Arbeitszimmer aus dem Home Office, das Babyfon ist an, unser zweijähriges Kind schläft. Ich greife zu meinen Noise Cancelling Kopfhörern (die beste Anschaffung überhaupt) und atme tief durch. Das Handy wird beiseite gelegt. Nun ist Zeit für die mir so wichtige Aufladezeit und meinen persönlichen Flugmodus. Alle äußeren Reize werden ausgemacht und der Blick nach Innen beginnt jetzt. Ich trete auf meine Yogamatte, die den ganzen Tag im Wohnzimmer ausgerollt liegt und mache meine fünf Sonnengrüße und eine zehn minütige Meditation. Das tägliche Minimun an Yoga, welches ich mir als Tagesziel vorgenommen habe. Ich gebe zu, es klappt nicht immer.

Gastautorin Marina erzählt über ihr Leben als Mama und Hochsensible, und wie Yoga ihr täglich hilft.

Manchmal setze ich mich danach an meinen Laptop und schreibe. Schreiben hat eine beruhigende Wirkung auf mich, ähnlich einer Meditation. Danach hole ich meine Tochter aus dem Bett und freue mich auf einen Nachmittag mit ihr und mit meinem Mann. Vor Corona normalerweise auch mit der Familie. Oder mit guten Freunden. Da hat mich die Betreuung in der Kita ungemein entlastet und ich konnte vormittags etwas arbeiten. Normalerweise wollte ich diesen Monat mit meiner Selbstständigkeit endlich voll durchstarten. Nun, normalerweise. 

Es ist keine einfache Situation für uns alle, aktuell in der Corona Zeit, aber ich versuche optimistisch zu bleiben. Es bringt nichts, sich verrückt zu machen, denn wir können nur das Beste aus der Situation machen. Auch wenn die Sorgen um meine Familie und unsere wirtschaftliche Situation manchmal stark sind, uns geht es doch gut, ziemlich gut sogar. Die meisten Eltern, vor allem Mütter, schlagen sich derzeit tapfer mit Home-Schooling und der Kinderbetreuung durch. Dabei arbeiten sie nebenbei am Küchentisch oder im Zimmer nebenan.

Ich frage mich allerdings – wie machen die das bloß? Ich meine, mehr als zwei Stunden am Tag. Wie halten sie der Doppelbelastung stand? Auch vor Corona. Ich ziehe meinen Hut davor. Und da ist es wieder. Das Gefühl, es nicht zu packen. Kaum voran zu kommen, weil mir oft die Kraft und Zeit fehlt, die vielen Sachen zu erledigen, die ich mir vorgenommen habe. Bei den anderen scheint es doch auch zu klappen. Oft ärgere ich mich über mich selbst. Warum? Weil ich hochsensibel bin. 

Lange habe ich mich meiner Umwelt gegenüber nicht getraut so zu zeigen, wie ich bin: hochsensibel, emotional, nah am Wasser gebaut, verletzlich. Ein Leben lang habe ich mich für diese Eigenschaften an mir geschämt und falsch gefühlt. Doch zu mir gehören mehr Wesenszüge dazu, als die oben genannten Eigenschaften, die so negativ behaftet klingen: feinfühlig, empathisch, kreativ, aufmerksam, zielstrebig, kommunikativ, begeisterungsfähig, optimistisch, offen, loyal, willensstark, phantasievoll. Das sind zumindest die Eigenschaften, die Freunde und Arbeitgeber immer zu schätzen wussten. Immer stark zu sein war ein wichtiger Überlebensmodus für mich, daher können sich nur enge Freunde vorstellen, was für ein Chaos in meiner Gefühlswelt herrschen kann.

Doch es war ein langer Weg, um zu erkennen, warum bei mir alles immer so anders ist, als bei den anderen. Es dauerte lange, bis ich über meine Hochsensibilität erfuhr (bzw., dass so etwas überhaupt existiert) und verstand, warum ich mich immer so anders gefühlt habe. Warum ich oft das Gefühl habe, mein Kopf würde explodieren oder ich wäre krank. Dabei sind 15 – 20 % der Menschen in unterschiedlichsten Ausprägungen hochsensibel. Wahrscheinlich wissen viele es noch nicht einmal. 

Hochsensibel Mama sein

Die Eigenschaften einer Hochsensibilität fasst Kathrin Borghoff in ihrem Buch „Hochsensibel Mama sein“ wie folgt zusammen:*

  • ausgeprägte Feinfühligkeit (tiefe Gefühle, starke Emotionen, ausgeprägte Intuition / Bauchgefühl)
  • schnelle und scharfe Auffassungsgabe (alles um sich herum wahr- und aufnehmen)
  • fehlende Abgrenzung nach außen (eigene Grenzen werden dadurch schnell überschritten)
  • stark ausgeprägte Empathie für Menschen und Lebewesen 
  • langes Nachhallen von Erfahrungen, Gesprächen, Konflikten und seelischen Verletzungen (Tage, Wochen, Jahre!!!!!!) 
  • Neigung zu Überstimulierung und Überreizung
  • mindestens ein Sinneskanal ist stark ausgebildet und empfindsam (mein Mann nennt mich liebevoll Trüffelschwein, ich rieche alles)
  • starker innerer Kritiker, hohe Erwartungen an sich selbst und  dadurch mangelndes Selbstwertgefühl
  • das Gefühl, in einer Welt voller starker Menschen zu leben und ein Alien zu sein 

Die Herausforderungen im Alltag

Ich gebe mir jeden Tag aufs Neue wirklich Mühe, gelassen zu bleiben. Doch ich habe lange nicht mehr richtig durchgeschlafen, mein Kind ist gerade in der Autonomiephase,  weint oft viel und braucht viel Zuwendung. Ich habe das Gefühl, mich den größten Teil des Tages irgendwie durchschlagen zu müssen. Alles ganz normale Dinge, die zum Elternleben dazu gehören und ja, tatsächlich gibt es dazwischen so viele wundervolle Momente. Das glückliche Kinderlachen, die unbegrenzte Liebe und die vielen neuen Wörter, die täglich dazu kommen. Ich würde es niemals missen wollen. Niemals. Doch mein Energielevel schwankt zwischen „juhuuuuu, lass uns loslegen“ und „ich kann nicht mehr“. Ich habe oft das Gefühl, als Mutter nicht gut genug zu sein, dabei liebe ich mein Kind über alles und lege viel Wert auf eine liebevolle Erziehung. Bei anderen Müttern sieht alles immer so kinderleicht aus. Wenn ich sie frage, wie sie das alles gewuppt bekommen, kommt die Antwort: „ach, so anstrengend ist es nicht“. 

Burn Out und die Folgen

Seit meinem Burn Out vor acht Jahren fühle ich noch tiefer und intensiver, die Geburt meiner Tochter vor ein paar Jahren hat diese Empfindungen verstärkt und die Feinfühligkeit noch ausgeprägter gemacht. Werte, die mir ein Leben lang sehr wichtig waren, sind seitdem noch wichtiger, genauso wie aufrichtige Freundschaften und ernst gemeinte Worte, statt Schaumschlägerei. Die auf Leistung getrimmte Welt erscheint mir ferner denn je, ich gehöre da schon lange nicht mehr hin.

Jeden Tag aufs Neue stoße ich an meine Grenzen, fühle mich erschöpft und vor allem oft unverstanden. In Gruppen, an die ich mich lange angepasst habe, um der Norm zu entsprechen, wurde ich immer leiser und zurückgezogener. Ich ging unter, wurde ein Teil der großen Masse. Früher habe ich das Chaos in meinem Kopf durch zu viele Aktivitäten verdrängt, vielleicht auch zu viel Wein, heute fehlen mir dafür schlichtweg die Ressourcen. Ich kann es einfach nicht mehr und will es auch nicht. Denn da ist es wieder, die Suche im Außen. Was will ich da? Mir reicht mein Inneres. Da ist genug Party. Und mein liebevoller Kreis an Menschen, der mich versteht und bei denen ich nicht die Starke spielen muss. 

Wie Yoga mein Leben veränderte

Ich bin so dankbar, dass Yoga in mein Leben kam. Es veränderte mein Leben und mein Denken komplett. Denn so fand ich endlich zu mir selbst und kann all die positiven Eigenschaften einer Hochsensibilität genießen und schätzen, zumindest meistens. Ganz wichtig dabei sind kleine Auszeiten und Routinen im Alltag. Sei es Yoga, Meditation, Lesen oder ein Spaziergang in der Natur. Wenn ich gut für mich gesorgt habe, kann ich den Herausforderungen eines Tages gestärkt begegnen und für meine Tochter eine tolle Mama sein. Ich kann die Zeit mit meiner Familie und guten Freunden dadurch noch intensiver genießen und auch für sie gut sorgen. Denn sie sind ein Schatz, den ich ein Leben lang hegen und pflegen möchte. 

Ahimsa – die Gewaltlosigkeit

Ahimsa, die Gewaltlosigkeit, eines der wichtigsten Prinzipien im Yoga, hat sich für mich zu einem persönlichen Gesetz manifestiert. Die Gewaltlosigkeit anderen gegenüber, aber auch sich selbst. Sie ist für mich seit meiner Yogalehrer-Ausbildung verbindlich geworden. Genauso wie Karma. Ich glaube fest daran, dass unser Verhalten sich anderen gegenüber in irgendeiner Form wieder zurück spiegelt. Es ist eine Art von yogischer Gerechtigkeit.

Manchmal glaube ich, Yoga hat mich gerettet. Es gibt mir unglaubliche Reserven und hat mir gezeigt, wie wichtig die Momente im Leben sind, die ich sonst verpassen würde, wenn ich sie nicht genießen könnte. Durch Yoga spüre ich endlich mich selbst und weiß, wer ich bin. Es erfüllt mich mit Liebe und Hingabe für meine Lieben. Wie oft habe ich mich gefragt, wie ich es anderen Menschen recht mache, was sie wohl von mir denken, was und wie ich etwas sage. Ich denke immer noch an sie, denn es ist eine Art der Hochsensibilität, sich anderen gegenüber schuldig zu fühlen, auch wenn man gut für sich gesorgt oder die Wahrheit ausgesprochen hat. Doch ich weiß, erst wenn ich mir selber treu bleibe, kann ich Ahimsa im Alltag ausüben. Und umso mehr Ressourcen für die wichtigsten Dinge im Leben haben: meine Familie, meine Freunde, mein Job. Und mich selbst. 

Meine zweijährige Tochter klettert auf die Yogamatte und macht den Herabschauenden Hund, dann hebt sie ihr Beinchen an. Dabei hat sie ihren Fahrradhelm an, den will sie heute nicht abnehmen, man weiß ja nie. Mein Mann und ich können nicht mehr vor Lachen und mein Herz ist voller Stolz. 

Vielleicht habe ich doch alles richtig gemacht… Dank Yoga. 

Nimm deine Hochsensibilität als ein großes Geschenk an und entfalte deine volle Kraft. Du wirst staunen, wie viel Potential in dir steckt.

Namaste

Meine Tipps für Hochsensible:

  • immer wieder Zeitinseln für sich selbst finden
  • regelmäßige Yogapraxis und Meditation
  • ein Tagebuch zum Reflektieren (siehe Buchempfehlung)
  • geräuschmindernde Kopfhörer (investiere in gute, es lohnt sich)
  • viel Zeit in der Natur
  • Absprachen mit dem Partner 
  • ein guter Freundeskreis
  • Coachings 
  • Gleichgesinnte finden im Sinne von du bist nicht allein (schaut mal bei Instagram unter vanillamindde oder unter #proudtobesensibelchen oder #mamastärkenmamas)
  • sich Hilfe holen (eine gute Freundin (danke, Kerstin <3) sagte mal zu mir: „glückliche Menschen holen sich Unterstützung“) – dieser Punkt fällt mir am allerschwersten! Babysitter, Putzfrau, jemanden um Hilfe oder Unterstützung zu bitten, all das ist ganz schön schwer

Buchempfehlungen: 

  • Georg Parlow – Zart besaitet
  • Kathrin Borghoff – Hochsensibel Mama sein
  • Riccarda Kolb – So geht glücklich sein
  • Dominik Spengst – Das 6-Minuten Tagebuch

Über die Gastautorin Marina Holland

Hallo liebe Leser von Yogastern! Ich heiße Marina, bin 37 Jahre jung und lebe mit meiner Familie im schönen Rheingau. Ich bin Mutter einer zweijährigen Tochter, selbstständige Fotografin, Texterin und Yoga-Lehrerin. 

Als hochsensible Person interessiere ich mich für viele Themen, vor allem für den Bereich Persönlichkeitsentwicklung und Hochsensibilität. In meinem „früheren“ Leben habe ich BWL studiert und für große Unternehmen gearbeitet, bis ich dank Yoga auf meine wahre Stimme hörte und meiner Kreativität freien Lauf ließ. Seitdem bin ich mit meinem Ehemann um die Welt gereist, habe mich gewagt, selbstständig zu machen, stehe endlich zu meiner Hochsensibilität und schreibe gerade an meinem ersten Buch. 

Wenn du mehr über mich erfahren möchtest, besuche mich gerne auf meinen Seiten yesweyoga und Las Bellas Artes.

Ich hatte bereits die große Ehre, mit Steffi für die Pflege des Unit Yoga Blogs zusammen arbeiten zu dürfen und erinnere mich sehr gerne an die kreative und unglaublich wertvolle Zeit mit ihr. Und natürlich bin ich sehr dankbar, dass ich diesen Artikel für ihren Blog schreiben darf. 

Vor allem aber hoffe ich, dass dieser Artikel DIR ein Stückchen weiter hilft, nicht all zu streng mit dir zu sein, egal ob du hochsensibel bist oder nicht. Es ist sehr persönlich geworden, doch gerade in der aktuellen Corona Situation höre ich so wenige Stimmen von hochsensiblen Eltern. Wir ALLE sind aktuell sehr gefordert und wir schaffen es nur gemeinsam. 

Namaste,
deine Marina


Vielen lieben Dank, Marina, für diesen berührenden Gastartikel über deinen Herzensweg. Ich bin mir sicher, dass er in der jetztigen Zeit während Corona vielen Menschen Hoffnung gibt und deine Tipps für alle Hochsensiblen besonders wertvoll sind.


Fotocredit bis auf das Familienbild: Beate Tschirch

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