Wir leben in dem schönen Schwarzwald in der Nähe von Freiburg. Wir, das sind mein Mann Bernd und ich, Nicole, mit unseren wunderbaren Söhnen Lou und Noah. Eigentlich kommen wir aus Frankfurt und dürfen uns erst einmal an die Mentalität des Schwarzwalds und die Sprache, die für uns zu
Beginn wie eine Fremdsprache klingt, gewöhnen. Wir dachten damals eine solche Umgewöhnung kann nicht getoppt werden, doch dann kam alles anders.

Gastautorin Nicole erzählt von ihrem Umzug nach Japan und welche Krise sie dort erwartete und wie sie damit umging.

Vom Schwarzwald nach Tokio

Eines Abends, als wir zu viert am Esstisch saßen, fragt uns mein Mann: „Was haltet ihr davon drei Jahre in Japan zu verbringen? Hättet ihr Lust auf dieses Abenteuer?“ Mein großer Sohn sagte sofort wie cool und welch einmalige Chance das für uns wäre. Auch mein kleiner Sohn stimmte nach kurzer Überlegung diesem Lebensumschwung zu. Ich blieb zunächst still und musste erst einmal tief durchatmen. Wow, dachte ich, wie mutig sind meine Söhne! Japan? Hätte mein Mann Rom gesagt, müsste ich gar nicht lange überlegen – doch Japan? Millionen von Menschen, die mit Mundschutz zusammengequetscht in der Bahn stehen. Das waren die Bilder, die ich aus der Ferne von Japan kannte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich Japan noch nie besichtigen können und jetzt sollte ich dort leben?

Wer mich kennt, weiß, dass ich offenherzig bin, gerne die Welt bereise und fremde Kulturen entdecke. Doch in einem Land zu leben mit fremden Schriftzeichen, die von rechts nach links und von oben nach unten geschrieben werden, machte mich unsicher. Ich musste erst einmal eine Nacht darüber schlafen und mir überlegen, ob ich mir das wirklich zutraue. In dieser Nacht qualmte mir der Kopf von den vielen Fragen, die ich mir stellte.

Neugier und Zuversicht sind stärker als Angst

Doch zum Glück verspürte ich Neugier und Abenteuerlust und konnte die Angst überwinden, also nahm ich die Herausforderung an. Als ich am nächsten Morgen meiner Familie sagte, dass wir nach Japan gehen werden, ahnte ich natürlich noch nichts von der Katastrophe, die wir noch erleben würden.

Unser halber Hausstand wurde in einen Container verfrachtet, ein wenig kam in unsere Koffer. Die Wochen vergingen ab jetzt wie im Fluge und ich verbrachte meine Zeit mit Lesen von Literatur, Beantragen von Visum und was sonst noch alles auf uns zu kam. Zum Beispiel die Kinder für die neue Schule vorzubereiten. Lou musste die Fremdsprache wechseln, denn in Japan wurde anstatt Latein japanisch angeboten. Französisch blieb als Fremdsprache und so musste er 3 Monate vor Abflug anfangen, ein Jahr französisch aufzuholen.

Noah ging in die 4. Klasse und somit war für ihn klar, dass im kommenden Schuljahr ein neuer Lebensabschnitt beginnen wird. Dass es nicht nur eine andere Schule, sondern gleich ein anderes Land wird, nimmt er mit Fassung und blickte mit Mut nach vorne.
Im April flogen wir das erste Mal zu viert nach Tokyo, um uns ein Haus zum Wohnen zu suchen. In diesen zwei Wochen erlebten wir unseren ersten Jetlag und hatten den ersten Einblick in die japanische Kultur.

Die Eingewöhnung in Japan

Im August ging es dann endgültig los. Am Flughafen kam der große Abschied von meinem geliebten Dad, meiner Tante, meinem Onkel und unseren Freunden, die uns mit viel Liebe verabschiedet haben. Meine beste Freundin Anja gab mir noch ein Geschenk mit und sagte: „Es soll dich beschützen.“ Damals scherzte ich noch: „Vor was denn? Etwa vor den verrückten Japanern?”

So ging es durch die Passkontrolle und wir gingen direkt zu unserem Gate. Jetzt gab es kein zurück mehr und wir stiegen in das Flugzeug ein und flogen unserem Abenteuer entgegen. Die Kinder erfreuten sich über die netten und freundlichen Japaner bei Japanese Airlines.
Nach elf Stunden landeten wir am Narita Airport in Tokyo. Wir waren alle noch müde durch die Zeitverschiebung, aber nicht zu müde um bei der 1,5-stündigen Zugfahrt immer wieder aus dem Fenster zu schauen um die ersten Eindrücke von Tokio aufzusaugen und zu merken: stimmt, hier ist Linksverkehr.
Die Kinder waren aufgeregt als wir in Jijugaoka, einem Stadtteil von Tokyo, ankamen und stürmten mit unerklärlicher Energie die Treppe zu ihrem neuen zu Hause nach oben um ihre neuen Zimmer zu begrüßen.

Japan, Tokyo 11. März 2011 – die Erde bebt!

Wie gingen wir in dieser Situation mit uns und unserer Familie
um? Gibt es hier eine Verbindung zum Yoga?
Mein Mann lag schon seit einer Woche zu Hause im Bett mit der Schweinegrippe. Ich hatte die Tage kaum Schlaf, meine Nächte waren mehrmals unterbrochen, um meinen Mann das Bett frisch zu beziehen oder ihn zu stützen um ihn ins Bad zu bringen.

Seit einigen Wochen hatte ich an diesem 11. März 2011 einen Ausflug mit mehreren Frauen geplant. Es sollte in ein etwa 60 km von Tokio entferntes Dorf in eine Bonsai-Ausstellung gehen. Mein Mann war immer noch sehr schwach, doch an diesem Morgen sagte er: „Wenn du nicht gehst, bin ich sauer. Mache dir einen schönen Tag.“ Ich wollte irgendwie nicht so wirklich gehen, aber des lieben Frieden willens dachte ich, „ok, vielleicht ist es gut mal raus zukommen.“ Mein Plan war um 15 Uhr nach Hause zu kommen, so wie meine Kinder, wenn sie von der Schule kamen. Doch es kam anders.

Neun Frauen trafen sich in Denenchofu an der U-Bahn-Station
um von dort aus weiterzufahren. Wir waren alle voller Vorfreude einen schönen Tag zu verbringen. Eine spannende Ausstellung, Essen gehen und uns das Dorf anschauen, vielleicht noch ein bisschen bummeln und shoppen. Die erste Station war die Ausstellung von den Bonsai-Bäumen. Wir gingen vergnügt durch die Ausstellung, betrachteten extravagante Bonsais und ihre Preise. Wir diskutierten wie die Japaner diesen Perfektionismus an diesen kleinen Bonsais auslebten. Die Japaner erfreuten sich über uns, wie wir staunten. Eine weitere Frau und ich fühlten uns an dem Tag nicht so gut und dachten es wäre einfach der Hunger. Ich dachte ich bin nicht fit, weil ich ja kaum geschlafen habe in der letzten Woche. Wir beschlossen somit, dass wir essen gehen und einen Kaffee trinken für den Kreislauf. Uns war schwindelig und mulmig im Magen. Wir fanden ein nettes Lokal und ließen uns das fein angerichtete Essen schmecken. Dann war es an der Zeit sich auf den Rückweg zu machen. Wir zahlten und packten unsere sieben Sachen ein.

Als wir gerade alle draußen waren, kam mir alles vor wie in einem Film. Der Himmel veränderte sich plötzlich von wunderbaren Azurblau in tiefschwarz, dann hörten wir ein Grummeln, als würde jemand riesengroße Steine zerstoßen und dann kam es. Wir konnten uns nicht mehr halten und mussten uns gegenseitig stützen, um nicht umzufallen. Eine kleine Japanerin rannte aus dem Haus und sah uns mit ängstlichen und entsetzten Gesicht an. Wir überlegten was zu tun ist, unsere Telefone funktionierten nicht mehr. Keiner konnte seine Familie erreichen, keiner wusste wie geht es den Kindern in der Schule? So gingen wir, als wir uns einigermaßen wieder auf den Füßen halten konnten, Richtung Bahnhof. Jedoch fuhren nach einem solchen Beben keine Züge mehr. Wir überlegten, diskutierten und jeder versuchte seine Familie zu erreichen. Keiner hatte eine Chance – Schreckensstarre!

Stillstand und Schreckstarre in der Krise

Geht es den Familien so gut wie uns, sehen wir unsere Partner, unsere Kinder wieder? Es sollten Stunden vergehen bis wir das ein oder andere erfahren. Also gingen wir los und fanden einen McDonald’s, der 24 h geöffnet war. Wir kauften uns Kaffee, Pommes und Getränke, um eine Berechtigung zu haben dort zu bleiben. Im ersten Stock fanden wir Platz und vor allem Steckdosen um unsere Handys zu laden. In ca. 370 km
Entfernung (Tohoku) gab es ein Beben der Stärke 9, das deutlich bis nach Tokyo spürbar war. Von den ständigen Nachbeben wackelten die Beine laufend – kein schönes Gefühl. Wir schauten aus dem Fenster und sahen, dass eine riesige Ampel schwankte und dem Fenster immer wieder bedrohlich nahe kam. Wir hielten alle die Luft an und hofften, dass es wieder aufhört, dieses verdammte Beben. Dieses Spiel wiederholte sich mehrmals.

Nach gefühlten Stunden erhielt jemand von uns eine Email von seinen Kindern aus der Schule, dass alles soweit in Ordnung sei bei ihnen. Die Kinder steckten zwar in der Schule fest, doch es ging ihnen soweit gut. Ich malte mir aus wie es meinen Kindern erging. Ich spürte trotz dieser Katastrophe ein großes Urvertrauen. Ich wusste sie sind zu zweit. Von meinem Mann habe ich Stunden nicht gewusst wie es ihm geht. Zum Glück
habe ich tolle und wirklich geschickte Freunde zu Hause in Deutschland. Einer meiner Freundinnen hat mich über Skype erreicht und sie hat dann mich und auch meinen Mann zum Sprechen an die Strippe bekommen. Wir alle hatten das Erdbeben überstanden und waren einigermaßen sicher.
Wie ich zurück zu meiner Familie nach Tokio kam ist eine andere Geschichte.

Mein Fazit – wie ich mit Krisensituationen umgehe

Ich bin aus dieser erschreckenden und lebensbedrohlichen Situation mit sehr viel Dankbarkeit und Stärkung meiner eigenen Persönlichkeit heraus gekommen. Mein Yoga bestärkt mich im Vertrauen zu bleiben.

Meine Gedanken waren und sind, dass Krisen auch Chancen für Veränderung und Hoffnung sind. Es lohnt sich nach vorne zu schauen. Tief einzuatmen und fein, liebevoll und wohlwollend auszuatmen.
Es gibt nicht nur Schwarz und Weiß im Leben.

Ich bin voller Demut und großer Dankbarkeit, dass ich mit meiner Familie nach 48 Stunden nach Hause fliegen durfte. Japan ist ein außergewöhnliches Land. Danke an dieses Land und die Menschen. Ich verbeuge mich vor Ihnen wie sie mit der schrecklichen Situation umgingen.

Folgende Yogaübungen haben mich in dieser Krisen gestärkt:

Das Mantra: Frieden beginnt in mir!

Anleitung der Mantra mit Mudra-Kombi:
Hier wechselst du vom Daumen beginnend zu jeden Wort den Finger:

  • Daumen und Zeigefinger – Frieden
  • Daumen und Mittelfinger – beginnt
  • Daumen und Ringfinger – in
  • Daumen und kleiner Finger – mir

Ich wünsche dir viel Spaß beim Ausprobieren der Yogaübungen.


Über die Gastautorin Nicole Wicklandt

Ich heiße Nicole und bin 53 Jahre alt. Im schönen, bunten Schwarzwald und Dreiländereck bin ich seit 20 Jahren zu Hause. Hier lebe ich mit meinem wunderbaren Mann und unseren zwei Söhnen.

Ich habe mein Herzensthema zum Beruf gemacht. Ich liebe Yoga von Herz zu Herz weiter zu geben und zu coachen.


Vielen lieben Dank, Nicole, für diesen wirklich sehr spannenden Gastartikel über deine eigene Geschichte. Ich bin mir sicher, dass wir gerade in der jetztigen Zeit in der Corona Krise viel daraus mitnehmen können.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.